Von Narben und Nischen

Das WGT war zu Pfingsten wieder so schwarzbunt, wie es das Leipziger Tourismus-Amt liebt. Um die Szene und ihren Rückzug nach innen zu betrachten, muss man dagegen genauer hinsehen.

Für Fotografen ist ein Wave-Gotik-Treffen gelungen, wenn sie genügend Motive für Bilderstrecken und Internet-Klick-Galerien einfangen können. „Genügend“ bedeutet dabei: Ausreichend originelle Kostüme unter egal wie vielen weniger bis nicht originellen. Ja, auch in diesem Jahr war der Fremdscham-Faktor auf dem traditionellen Leipziger Pfingstreffen der weltweiten Schwarzen Szene nicht zu unterschätzen, dennoch war er aber auch wieder einen Tick egaler. Denn die zentrale Frage ist immer mehr: Wer kommt verkleidet auf das Treffen und wer nicht? Wer zeigt sein Inneres und wer nur irgend ein Äußeres? Und vor allem: Wem?

Dass man der Öffentlichkeit unter dem Motto „gruselig aussehen, lieb sein“ mittlerweile recht gern eine Oberfläche zeigt, die eine immer größere Diskrepanz zu den eigentlichen, ursprünglichen Triebkräften der Schwarzen Szene aufweist, ist Teil des Problems wie gleichermaßen Teil der Lösung: Überzeugte Szenegänger betreiben seit Jahren in eine Art innere Emigration, bei der das WGT als eine Art Klassentreffen fungiert, gegen das man selbst dann nicht viel einwenden kann, wenn man wenig dafür zu sagen hat.

Da ist der karnevaleske Trubel als gern gesehene „Schau der Abseitigkeiten“, an dem sich der Mainstream ergötzt und der der städtischen Wirtschaft laut „Leipziger Volkszeitung“ rund 15 Millionen Euro einbringt, ein ganz gutes Ablenkungsmanöver – das aber eben auch davon ablenkt, dass es in der Schwarzen Szene einst um alles andere als Abseitigkeiten ging, sondern um sehr zentrale Fragen: Auseinandersetzung mit Tod und Leid, mit den Grenzen im Leben, der Sexualität und Spiritualität. Das große Verdienst der Gothic-Szene war und ist es ja, diese, anders als ein Großteil der Gesellschaft, einst nicht mehr verdrängt zu haben, sondern neu und eigen auszuleuchten.

Es lag von jeher in der Natur der Sache, dass diese Szene damit auch viele gebrochene Wesen anzog, von denen aber etliche mittlerweile einen achtbaren, oft bürgerlich kompatiblen Weg gefunden haben, mit ihren Rissen und Narben umzugehen. Natürlich ist aber auch, dass man sich in seinem Leben auf der Suche nach Zufriedenheit nicht ewig nur darum drehen mag. So ändern sich Inhalte zwangsläufig, viele Urgestein-Grufties strahlen heute eine neue, innige Weltruhe aus, die aber eben als Triebfeder im alten Sinn wenig ausrichten kann.

Die größte Stärke des Treffens war daher auch in diesem Jahr die Vielfalt der Nischen, in die sich die Gruft-Emigranten dann auch unbemerkt zurückziehen konnten. Allerdings ist die Zufuhr frischen Blutes zur Szene mittlerweile doch so gering, dass es immer etwas schwieriger wird, in den Verästelungen Entdeckungen zu machen. Die Suche lohnt sich, solange man Auftritte zu sehen bekommt wie den der jungen amerikanischen Elektronik-Künstlerin Ari Mason aus Los Angeles am Samstag in der Moritzbastei etwa. Da kann man dann auch darüber hinwegsehen, dass die gruselige Berliner Band Blutengel ihren Set in der Agra-Halle am Freitag ohne Rot zu werden mit Queens Jahrhundertbeat „We Will Rock You“ begann, den sie sich mitklatschend dreist für die dürre Eigenschmonzette „Sing“ gegriffen hat: Das Vorurteil, dass viele Szenebands ihr musikalisches Brett an eher dünner Stelle bohren, ist jedenfalls nicht immer leicht zu widerlegen – auch, weil es viele inhaltlich gering ambitionierte Musiker mit Aussicht auf leicht zu erlangenden Applaus lockt, der in anderen Subkulturen deutlich schwerer zu bekommen ist. Denn Höflichkeit ist in der Szene eine Grundtugend, die nach wie vor den Besuch des WGT herzlich angenehm macht.

von ((tim))

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