Über fetischmensch

Auf dem Vermächtnis innovativer Gothic-Bands wie Goethes Erben oder Erblast baut das Nachfolge-Projekt fetisch:MENSCH zeitgemäß zeitlose Brücken durch die Dunkelheit, um die Ufer allgegenwärtigen Schmerzes mit der Sinnlichkeit des Lebens zu verbinden. Oswald Henke: Worte und Stimme Tim Hofmann: Programmierung, Keyboards, Gitarre Harald Streitberger: Gitarre Konrad Schubert: Schlagzeug.

Von Narben und Nischen

Das WGT war zu Pfingsten wieder so schwarzbunt, wie es das Leipziger Tourismus-Amt liebt. Um die Szene und ihren Rückzug nach innen zu betrachten, muss man dagegen genauer hinsehen.

Für Fotografen ist ein Wave-Gotik-Treffen gelungen, wenn sie genügend Motive für Bilderstrecken und Internet-Klick-Galerien einfangen können. „Genügend“ bedeutet dabei: Ausreichend originelle Kostüme unter egal wie vielen weniger bis nicht originellen. Ja, auch in diesem Jahr war der Fremdscham-Faktor auf dem traditionellen Leipziger Pfingstreffen der weltweiten Schwarzen Szene nicht zu unterschätzen, dennoch war er aber auch wieder einen Tick egaler. Denn die zentrale Frage ist immer mehr: Wer kommt verkleidet auf das Treffen und wer nicht? Wer zeigt sein Inneres und wer nur irgend ein Äußeres? Und vor allem: Wem?

Dass man der Öffentlichkeit unter dem Motto „gruselig aussehen, lieb sein“ mittlerweile recht gern eine Oberfläche zeigt, die eine immer größere Diskrepanz zu den eigentlichen, ursprünglichen Triebkräften der Schwarzen Szene aufweist, ist Teil des Problems wie gleichermaßen Teil der Lösung: Überzeugte Szenegänger betreiben seit Jahren in eine Art innere Emigration, bei der das WGT als eine Art Klassentreffen fungiert, gegen das man selbst dann nicht viel einwenden kann, wenn man wenig dafür zu sagen hat.

Da ist der karnevaleske Trubel als gern gesehene „Schau der Abseitigkeiten“, an dem sich der Mainstream ergötzt und der der städtischen Wirtschaft laut „Leipziger Volkszeitung“ rund 15 Millionen Euro einbringt, ein ganz gutes Ablenkungsmanöver – das aber eben auch davon ablenkt, dass es in der Schwarzen Szene einst um alles andere als Abseitigkeiten ging, sondern um sehr zentrale Fragen: Auseinandersetzung mit Tod und Leid, mit den Grenzen im Leben, der Sexualität und Spiritualität. Das große Verdienst der Gothic-Szene war und ist es ja, diese, anders als ein Großteil der Gesellschaft, einst nicht mehr verdrängt zu haben, sondern neu und eigen auszuleuchten.

Es lag von jeher in der Natur der Sache, dass diese Szene damit auch viele gebrochene Wesen anzog, von denen aber etliche mittlerweile einen achtbaren, oft bürgerlich kompatiblen Weg gefunden haben, mit ihren Rissen und Narben umzugehen. Natürlich ist aber auch, dass man sich in seinem Leben auf der Suche nach Zufriedenheit nicht ewig nur darum drehen mag. So ändern sich Inhalte zwangsläufig, viele Urgestein-Grufties strahlen heute eine neue, innige Weltruhe aus, die aber eben als Triebfeder im alten Sinn wenig ausrichten kann.

Die größte Stärke des Treffens war daher auch in diesem Jahr die Vielfalt der Nischen, in die sich die Gruft-Emigranten dann auch unbemerkt zurückziehen konnten. Allerdings ist die Zufuhr frischen Blutes zur Szene mittlerweile doch so gering, dass es immer etwas schwieriger wird, in den Verästelungen Entdeckungen zu machen. Die Suche lohnt sich, solange man Auftritte zu sehen bekommt wie den der jungen amerikanischen Elektronik-Künstlerin Ari Mason aus Los Angeles am Samstag in der Moritzbastei etwa. Da kann man dann auch darüber hinwegsehen, dass die gruselige Berliner Band Blutengel ihren Set in der Agra-Halle am Freitag ohne Rot zu werden mit Queens Jahrhundertbeat „We Will Rock You“ begann, den sie sich mitklatschend dreist für die dürre Eigenschmonzette „Sing“ gegriffen hat: Das Vorurteil, dass viele Szenebands ihr musikalisches Brett an eher dünner Stelle bohren, ist jedenfalls nicht immer leicht zu widerlegen – auch, weil es viele inhaltlich gering ambitionierte Musiker mit Aussicht auf leicht zu erlangenden Applaus lockt, der in anderen Subkulturen deutlich schwerer zu bekommen ist. Denn Höflichkeit ist in der Szene eine Grundtugend, die nach wie vor den Besuch des WGT herzlich angenehm macht.

von ((tim))

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Ich will mich nicht verkleiden!

Über die irritierende Frage, was man heutzutage auf dem WGT anziehen sollte.

X-Tra-X gibt es nicht mehr: Vor wenigen Wochen hat der Online-Shop des traditionellen Szene-Klamottenladens dichtgemacht. Beziehungsweise, sein Angebot ist dort gelandet, wo es mittlerweile wohl leider hingehört: Bei EMP. Das ist jener größter deutscher Jugendkultur-Ausstatter, der T-Shirts mit Aufschriften wie „Feierwehr“ verkauft. Fragt man sich da nicht, ob einem eine Übernahme durch H&M am Ende nicht doch besser gefallen hätte? Was ist da nur passiert?

Meinen ersten X-Tra-Katalog, so hieß die Firma damals noch, bekam ich in den ganz frühen 90ern von Oswald, quasi unter der Hand: Wie die wenigen angebotenen Kleidungsstücke, ein paar Hemden, zwei, drei paar Schuhe und ein Mantel, genau aussahen, war auf den kopierten Bildern bestenfalls grob zu erkennen. Trotzdem waren die vier Schwarzweiß-Seiten (oder waren es acht?) eine Offenbarung: Ich war auf der Suche nach Kleidung, die mein Inneres auch nach außen transportierte. Ich wollte so aussehen, wie ich mich fühlte und bestellte einige Rüschenhemden.

Die Wirkung war enorm: Ich sah in den Augen meiner Umwelt verdammt eigenwillig aus. Unpassend und verängstigend offenbar – dennoch konnte niemand wirklich etwas sagen, trug ich doch offenkundig edle, gut sitzende Kleidung. Ich freute mich vor allem, dass der von mir beabsichtigte Haupteffekt eintrat: ich kam mit Menschen ins Gespräch, die die Ausrichtung meines inneren Weltbildes an meinem Äußeren erkannten, weil sie genau so fühlten – und sich eigentlich damit genau so allein wähnten. Das machte mir Mut, ich trug fortan fast ausschließlich Kleidung, die diesen Effekt haben sollte. Kleidung, die es mir wie ähnlich fühlenden Dunkelmenschen ermöglichte, eine Art geistiger Familie zu gründen. Dass im Umkehrschluss andere Menschen sich abgeschreckt fühlten und auf Distanz blieben, war dabei Großteils nicht negativ.

Trotzdem gab es auch seltsame Neben-Effekte. Mehrfach sprachen mich im Menschen an, die wissen wollten wo ich die „abgefahrenen Klamotten“ herhabe. Sogar in der Londoner U-Bahn. Dieses Interesse war vor allem ein modisches. Es wäre gelogen zu behaupten, dass mir so etwas als jungem Menschen nicht auch geschmeichelt hätte – wer wird nicht gern mit Bewunderung gesalbt? Doch im Kern war es mit unangenehm, weil es nie mein Ansinnen war, aufzufallen oder zu provozieren. Dass so etwas passierte, damit konnte und musste ich immer leben, aber es war eben nicht das worauf man aus war. Und: Mein Outfit darf einen gewissen Aufwand nie übersteigen. Ich fand es immer gut, wenn ich mein Inneres mit ein paar wenigen Handgriffen nach außen tragen konnte – um sie mit Stylen zu verplempern ist mir meine Lebenszeit dann doch zu kostbar. Denn eines steht fest: Ich wollte mich nie verkleiden!

Wann also war der Punkt, an dem mir der Klamotten-Overkill auf dem WGT zu viel wurde? Denn es gab zwei aus meiner Sicht destruktive, wenn natürlich wohl auch unvermeidliche Entwicklungen: Ein Teil der Szenemenschen nutzte Kleidung wie eine Uniform – man versuchte, durch sein Äußeres ein gewünschtes Inneres herzustellen. Theoretisch ein nachvollziehbarer Wunsch, praktisch aber ein lächerlich absurdes Ansinnen, an dem die stetig wachsende Zahl der Gothic-Klamotten-Krämer aber prächtig zu verdienen schien. Und ein anderer Teil versuchte, sich durch immer aufwändigere Kostüme quasi „nach oben“ abzusetzen. Zugegeben, das machte die Szene optisch reizvoll, auch ich schaute (und schaue) da durchaus sehr gern. Nur: Letztlich rutschten jene Szenemenschen leicht in ein anderes Extrem und vergaßen über der Lust am zeigen, was sie eigentlich zeigen wollten. Und warum.

Beides ist ansich nicht sträflich, jeder muss auch in dieser Hinsicht seinen Weg gehen können. Aber es befeuerte eine unschöne Entwicklung, die sehr schnell in einem rein modischen Kreislauf von Angebot und Nachfrage landete: Die einen wollen schnell und billig zum optischen Ziel kommen, die anderen auffällig und exklusiv – und eine Wirtschaft, deren Untergrund-Mechanismen sich bald in nichts mehr von der herkömmlichen Industrie unterschieden, bildete den Transmissionsriemnen. Das Bedauerlichste dabei: Man kann eben nicht mehr wie der Goth aussehen, als der man sich fühlt, weil man dann wie eine Klischeefigur aus dem letztens Telefonbuchdicken X-Tra-X-Katalog aussähe. Zumal es ja auch eine Wechselwirkung gibt und man dieser Goth dann eben auch innerlich längst nicht mehr ist.

Die Frage, was man selbst zum WGT tragen soll, ist daher zu einer der schwierigsten geworden. Ich beantworte sie seit Jahren für mich notgedrungen einfach – und trage, was ich das ganze Jahr über auch trage: Schwarz in einer Ausformung, die irgendwie so pragmatisch-halbabseitig dazwischenwurschtelt. Ich sehe zu, dass ich immer irgendwo ein paar halbwegs dezent-coole Jacken besitze sowie Obertrikotagen, die im Theater ebenso funktionieren wie im Büro oder im Klub. Dass es mir halbwegs egal ist, dass mich viele Menschen darin schief anschauen, musste ich mir sowieso über viele Jahre antrainieren. Auch wenn ich nach wie vor eigentlich nicht auffallen mag.

Mittlerweile greife ich auch gern wieder auf bedruckte T-Shirts als Accessoire zurück: Das mag billig sein, aber simpler kann man ja sein Inneres eigentlich nicht nach außen tragen. Oder nach innen: Ich habe eine englische Marke entdeckt, die zwar eher ungruftig aussieht, die ich aber vor allem wegen des unsichtbar eingenähten Mottos sehr gern trage: „All stick together to increase the darkness.“ „Alle halten zusammen, um die Dunkelheit zu erhöhen.“ Jawohl! Und zwar egal, wie „alle“ aussehen. Auch wenn es zunehmend wieder schwerer wird, die Menschen, die einem innerlich nahestehen, von außen zu erkennen. Aber damit kann ich leben, so lange die „Feierwehr“ Gothic von der Stange feilbietet.

((tim))Bild

Wann hat Gothic eigentlich sein Herz verloren? Und wann seinen Sinn?

Vielleicht hat es nicht so wehgetan, weil es so langsam und schleichend passiert ist. Und genau deswegen tut es wohl auch besonders weh: Gothic, so wie wir es einst lieben gelernt haben, ist nicht mehr. Nur noch ein Schatten, eine Erinnerung.

Nun könnte man sagen, dass Schatten und Erinnerungen immer eine große Rolle in unserer Schwarzen Kultur gespielt haben, und man hätte Recht damit – aber genau das ist ja der Punkt. Gothic hat sie gegenwärtig gemacht. Erlebbar. Beseelt. Was jetzt noch übrig ist, ist eine Erinnerung an dieses Erleben. Nicht mehr dieses Erleben selbst. Die Szene? Ich spüre ihren Herzschlag nicht mehr.

Wann hat er eigentlich aufgehört? Als der Graf ins Fernsehen ging? Als Mono Inc. beschlossen, ihre Karikatur von dunkler Musik zu veröffentlichen? Als zu viele WGT-Besucher das optische Ausstellen einer inneren Anders-Gefühlslage mit dem karnevaleskem Spaß am Verkleiden zu verwechseln begannen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es an all diesen Einzelpunkten nicht liegt. In jeder Szene gibt es Menschen, deren Herz tief verwurzelt drinhängt und solche, die nur an einigen Details gefallen finden. Alles hat eine Oberfläche. Das ist kein Problem  so lange es darunter auch die Tiefe gibt.

Die Toleranz in der Szene war immer eine ihrer Stärken – wir haben es immer gut ausgehalten, wenn The Cure zu kommerziell war oder Kaschte zu durchgeknallt oder Illuminate zu sehr Schlager. Die Szene verträgt Knicklichtgrufties und gröhlende Met-Trinker. Metaller mit gierigen Dekolleté-Blicken und Emily-Autumn-Girlies. Mode-SMler und Uniform-Fetischischisten. Nur die Summe davon hat sie offenbar auf Dauer nicht ertragen – vor allem nicht in Zusammenhang mit unserem vielleicht verheerendsten Fehler: Der Kritiklosigkeit.

Der Ton war uns Überzeugungs-Gothics immer etwas ganze Besonderes. Wir haben unter der Oberfläche der Gesellschaft nach den Nischen gesucht, nach der Individualität. Haben zugehört. Zugelassen. Selbst Schmerz und Hass. Haben hinter alle Dinge geblickt. Aber irgendwann haben wir dabei Toleranz mit Kritiklosigkeit verwechselt. Meinungsfreiheit war uns ein so hohes Gut, dass Irgendwann der Inhalt einer Meinung egal war. Der. Inhalt.

Das hat dazu geführt, das irgendwann jeder alles machen konnte – wir haben es geschluckt. Und irgenwann haben wir mangels besserer Angebote Dinge geschluckt, die wir so eigentlich nicht haben wollten. Irgendwann war ASP eine der besten Bands der Szene. Wir haben nie gelernt, wie wichtig und befruchtend konstruktive Kritik und Streit sind. Auseinandersetzung. Das Ergebnis ist, dass es keine guten neuen Szene-Bands gibt. Man betrachte nur die Programmfolgen der Festivals in den letzten Jahren.

Es gibt immer noch hervorragende dunkle Musik. Musik, die unter die Oberfläche schaut und das Dunkel ertastet. Die Schnitte im Herz, die Wunden in der Seele. Kunst, wegen der wir uns einst in der Schwarzen Szene heimisch gefühlt haben. Aber sie findet heute fast vollständig außerhalb unserer erstarrten Rituale statt. Sie kommt von Ólafur Arnalds oder Soap&Skin, von Casper oder Sigur Rós. Von Bring Me The Horizon oder den Editors. Es gibt sie überall und selbst in Schattierungen, die unsere Szene bisher ausgespart hat, etwa im Hip Hop von Grim104. Nur kaum noch in unserer Schwarzen Szene. Mir tut das in stillen Momenten weh – weil in dieser unserer Szene so verdammt viel Potenzial gesteckt hat! So viel Kreativität. Individualität. Es war schön, dass Dr. Mark Bennecke und Der Herr Der Ringe in unserer Szene Platz hatten – es ist aber nicht schön, dass die Szene hauptsächlich zu Dr. Mark Bennecke und dem Herrn Der Ringe geworden ist.

Wie gern würde ich mal wieder eine richtig tief berührende Platte hören von :Wumpscut: oder Sopor Aeternus. Von Zeraphine oder And One. In Strict Confidence. Diary Of Dreams. Winterkälte. Arcana. Lovesliescrushing. The Retrosic. Künstler, deren Werke, so denn welche erscheinen, ich nach wie vor kaufe – dann aber mit zunehmender Resignation in den Plattenschrank stelle. Neue Künstler wie Lisa Morgenstern, die die Impulse der Schwarzen Szene aufnehmen, erkennen und neu interpretieren? In ihrem Geist bereichern? Gibt es fast nicht mehr. Und falls doch kommen sie zur Not auch ohne uns aus. Es sind sehr, sehr seltene Ausnahmen. „Grausame Töchter“ fallen mir noch ein. Maximal. Leider.

Auf der anderen Seite steht dagegen ein übermächtige, starre Masse, die aus dem einstigen Blick ins Dunkel der Tiefe eine neue Oberfläche gemacht hat. Symbole, deren Chic jeder kennt und deren Bedeutung niemand mehr fühlt. Eine Masse, die aus den Erkenntnissen und mutigen Perspektiven von einst die Phrasen von jetzt gemacht hat. Sie ritualisiert abspult und in Online-Shops einkauft. So wie Mutti jedes Jahr die Weihnachtskugeln an die Tanne hängt – und am Ende beides für originäre Bestandteile eines christlichen Festes hält. Am deutlichsten wird das vielleicht, wenn man auf die toten Magazine blickt: Eine Szene, die so viel auf ihren Geist und ihre Gedanken hält, erträgt komplett geist- und journalismusfreie Szenehefte, in denen jeder Artikel an bezahlte Anzeigen gekoppelt ist? Ja. Und nein. Aber: Diese Situation ist entstanden, weil sie aus uns allen heraus so entstehen konnte.

Es geht nicht um Schuld. Aber es geht darum, wie es ist. Es ist: traurig!

von ((tim))

„Ich muss noch etwas beweisen“

Benjamin „Casper“ Griffey über sein Album „Hinterland“, Wahrheit im Pathos und die Schönheit des Moments
 
Der 1982 in Westfalen geborene Benjamin Griffey verbrachte seine Kindheit in Georgia/USA und kam als Teenie in die deutsche Provinz zurück. Unter dem Pseudonym Casper packte er sein bisheriges Leben voller Schicksalsschläge in das Meilenstein-Album „XOXO“, das, obwohl stilistisch eine Mischung aus Rap und Indie-Rock, vom dunkeln Berührungsfaktor her durchaus als beste Gothic-Platte der letzten Jahre durchgeht. Casper spricht für eine ganze Generation, die in einer Welt nach Glück sucht, die sie doch immer und immer verzweifeln lässt. Menschen also, die Anfang der 90er Goethes Erben gehört haben. Kein Wunder also, das Casper, auch dank seiner „schwarzen“ Schwester, in seinen Teenie-Tagen auch mit GE konfrontiert war. Der XOXO-Nachfolger „Hinterland“ ist eine der am sehnlichsten erwarteten Pop-Platten dieses Jahres, und sie ist bemerkenswert. Tim Hofmann hat sich mit Benjamin Griffey über Casper unterhalten.
 
((tim)): Stimmt es, dass „Hinterland“ ein Not-Name ist, weil Deinen Lieblings-Albumstitel jeder komplett daneben fand?
Benjamin Ja, ich wollte die Platte eigentlich „Uckermark“ nennen. Erstens habe ich „XOXO“ in der Uckermark geschrieben, und zweitens klingt die Platte sehr hölzern, offen und folkig – ich fand, das hätte perfekt gepasst. Aber jeder hat mich nur mit großen Augen angesehen und ausgelacht, also habe ich mich dagegen entschieden, obwohl ich allein den Klang des Wortes „Uckermark“ sehr mag. Und ich mag die Uckermark sehr!
 
((tim)): „XOXO“ klang nach trotzigen Tränen. Würdest Du zustimmen, dass „Hinterland“ eher was von nachdenklichem Rotwein hat?
Benjamin: Rotwein stimmt auf jeden Fall. Es ist aber auch eine Tanzflächenplatte. Da sind doch voll die Dancefloor-Hits für die Indie-Disko drauf!
 
((tim)): Trotzdem ist „Hinterland“ ein fetter „Grower“, der sich erst nach mehreren Durchläufen wirklich erschließen lässt…
Benjamin: Na, das hoffe ich aber auch! Ich habe lieber eine Platte, die nachzündet, als eine, die schon nach dem ersten Hören voll klar ist.
 
((tim)): Das ist mutig, zumal Du an einigen Textstellen die Furcht durchblicken lassen, man könnte Dir nicht zuhören. Woher kommt diese Angst nach dem Jahrzehnt-Album „XOXO“, das bereits sehr vielen Menschen als Meilenstein gilt?
Benjamin: Ich bin großer Alben-Fan und habe noch nicht das Gefühl, mit „XOXO“ schon den großen Klassiker abgeliefert zu haben. Mir schmeichelt es zwar extrem, wenn Leute das sagen, aber ich jage noch dem wirklich großen Album nach. Ich will auch mein „Unknown Pleasures“ schaffen, mein „Dark Side of The Moon“ oder „Born To Run“. Ich habe immer das Gefühl, da noch etwas beweisen zu müssen und denke, jeder Künstler macht letztlich seine Kunst, um unsterblich zu werden. Auch wenn ich vielleicht etwas verbissen bin, was diesen Kampf angeht. Mir ist während der Produktion klar geworden, dass ich meine Karriere nicht stringent aufbauen will. „Hinterland“ ist für mich nicht der Nachfolger von „XOXO“, sondern ein Reset. Die Karten sind komplett neu gemischt. Wenn ich mit dem Denken rangegangen wäre, irgendwo anknüpfen zu müssen, wäre ich wahnsinnig geworden! Für mich ist ein in sich stimmiges Gesamtprodukt wichtig. Ich bin daher auch ein extrem schlechter Singleschreiber.
 
((tim)): Stattdessen können „Texte … Leben retten“, wie Du rappst?
Benjamin: Das glaube ich tatsächlich. Als ich nach Bielefeld gezogen bin, hatte ich wirklich nichts, nur meine Matratze und einen Toaster. Da ist mir eine Platte in die Hände gefallen, die mir extrem viel Kraft gegeben hat – was ich vorher für klischeehaftes Denken gehalten habe, aber das gibt es wirklich. Bei mir war’s „Background Music“ von American Nightmare. Kann ich empfehlen!
 
((tim)): Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Editors-Sänger Tom Smith?
Benjamin: Ich habe in den Interviews zu „XOXO“ wohl arg oft erwähnt, dass ich riesiger Editors-Fan bin, sodass das sogar nach England geschwappt ist. Jedenfalls hat Tom davon gehört und sich bei mir gemeldet. Wie haben in Berlin vier Tage lang Songs geschrieben, das war ein irrer Film für mich war! Ich finde alle Editors-Alben wahnsinnig gut.
 
((tim)): Auch „The Weight Of Your Love“?
Benjamin: Ja, das ist als Gesamtwerk nicht so stark wie die ersten beiden Platten. Aber es sind sehr, sehr gute Songs drauf, wenn man sich damit einmal genauer beschäftigt.
 
((tim)): Deiner Generation wird gern vorgeworfen, genau das nicht mehr zu tun: sich tiefer mit Musik auseinanderzusetzen. Hast Du  Angst vor den möglichen Reaktionen auf „Hinterland“?
Benjamin: Nein, ich bin nur sehr gespannt. Ich würde es nicht mal nervös nennen, eher freudig aufgeregt. Ich hoffe natürlich, dass „Hinterland“ als Gesamtwerk wahrgenommen wird, Viele hatte schon Fragezeichen nach den ersten Singleauskopplungen. Da habe ich immer versucht, beruhigend einzuwirken: „Hey, wartet, hört euch das ganze Album an, und dann reden wir darüber.“ Ich bin sehr stolz auf die Platte. Selbst wenn sie katastrophal floppen sollte, wäre sie für mich ein Erfolg, weil ich mit den Leuten, mit denen ich die Platte machen wollte, sie auch machen konnte. Und weil sie geworden ist, wie wir uns das vorgestellt haben.
 
((tim)): Ist das der Grund, warum das Kraftklub-Feature „Ganz schön okay“ so entspannt klingt?
Benjamin: Wir haben gemeinsame Wurzeln, sind lange als Underdogs rumgezogen. Die letzten zwei Jahre auf Festivals und auf Tour haben wir sehr genossen. Man muss einfach mal sagen: So wie es gerade ist, ist es hammermäßig schön! Wir haben das Lied in Chemnitz im Proberaum von Kraftklub aufgenommen, um genau diesen Moment festzuhalten.
 
((tim)): Trotzdem ist Casper irgendwie am besten, wenn die Stücke trauriger, nachdenklicher sind.
Benjamin: Ja, das liegt mir tatsächlich besser als Partytexte. Ich arbeite sehr retro-
spektiv und oft stark autobiografisch. „Hinterland“ ist nach wie vor eine Aufarbeitung der letzten Jahre, meiner schwierigen Zeit als Student, als ich extrem karg und arm gelebt habe. Das ist nicht weg, nur weil alles plötzlich so groß geworden ist.
 
((tim)): Nochmal zu „XOXO“: Was ist denn am 23. April 2009 passiert?
Benjamin: Ups. Das behalte ich besser für mich.
 
((tim)): Hat die Frau wenigstens auf das Lied reagiert?
Benjamin: Hat sie. Erst sehr wütend, aber jetzt sind wir wieder Freunde.

Orwell im Hexenkessel

Die Ankündigung des Verlages Thienemann, in einem beliebten Kinderbuch einige wenige Worte zu ändern, hat in den letzten Wochen zu einem Debatten-Tsunami geführt, bei dem es um zwei Dinge nicht geht: Kinderbücher und Rassismus.

Als Elternteil, erst recht mit mehreren Kids (oder sagt man besser „Knaben und Mägdelein“?), ist man in der Regel semiprofessioneller Kinderbuch-Vorleser. Und wer muss sich als solcher nicht wie Familienministerin Kristina Schröder („Südseekönig“, „das Gott“) dazu bekennen, gelegentlich Fälscher zu sein? Abends am Bettchen werden nicht nur Sätze versehentlich falsch abgelesen – nein, es wird je nach Gusto gekürzt, verlängert, weggelassen oder grob geändert. Da mag das Zahnwehmännlein plötzlich auch Popel gern, damit der Nachwuchs die Finger aus der Nase nimmt. Die Abendgebete bei Astrid Lindgrens „Lotta“ fallen weg sowie bestimmte, individuell ungeliebte Gruselstellen unter den Tisch. Und kommen dummerweise genau die Worte im Text vor, die man im Augenblick „einfach nicht sagt“, dann wird dem Nachwuchs eben – schwupp – das literarische Original vorenthalten. Verflixte Hühnerkacke!

Insofern war es schon spannend, die in den letzten Tage hochbrodelnde Debatte zu verfolgen, die sich vor allem an den Plänen des Thienemann-Verlages entzündete, in Otfried Preußlers Klassiker „Die kleine Hexe“ die Worte „wichsen“ und „Neger“ durch trefflichere Begriffe zu ersetzen. Ein nettes Gesprächsthema an der Kindergartentür, etwas für die Zeitungsseite „Aus aller Welt“, wo die unterhaltsamen Kopfschüttel-Kuriositäten aus der Sack-Reis-in-China-Kategorie eben landen.

Aber denkste: Ganz so auf die leichte Schulter, so musste man lernen, ist es nicht zu nehmen, wenn an der Kinderbettkante Weltliteratur zerstört wird. Schnell hatten die Vertreter beider Seiten die ganz großen Verbalknüppel unterschiedlicher Moralfarben in der Hand. Das Wort „Neger“ wurde etwa als rassistischer Ausfall im Kolonialherren-Stil gegeißelt. Die Gegenseite konterte wenigstens mit „Zensur“-Vorwürfen, sah für die Freiheit der Kunst so dunkle Wolken aufziehen als hätte man den Taliban die Schlüssel für den Kölner Dom überantwortet und verwies natürlich auf den diktatorischen „Neusprech“ aus George Orwells „1984“. Spätestens, als ein Kollege bei der internen Kaffeetisch-Diskussion zur Güte vorschlug, der Verlag könne ja eine spezielle Werksedition mit erläuternden Anmerkungen und Fußnoten herausgeben (eines – Hallo! – Vorlese-Kinderbuches?), war klar, dass die Debatte in eine Sackgasse torkelt.

Doch da hatten Kulturpolitiker schon Bundestagsdebatten zum Thema gefordert, Bundesjustizministerin Brigitte Zypries „Die kleine Hexe“ mit Goethe und Schiller verglichen und Spiegel-Online-Kolumnist Jan Fleischhauer dem „politisch korrekten“ Gegner beschieden, sich mit derlei Textmanipulationen auf eine „Trottelsprache“ zuzubewegen. Sogar die Wochenzeitung „Die Zeit“, für derlei Medienphänomene eigentlich mit der schönen Mikro-Rubrik „Prominent ignoriert“ bestens gewappnet, widmete dem Thema Titelseite und Dossier, um zu klären, wie rassistisch Kinder unter dem Einfluss von Michael Endes „Jim Knopf“ werden – und wie fortschrittlich es überhaupt sein könne, beliebte Kinderbücher „umzuschreiben“. Wenn dann aus dem breitgewalzten Diskussionsmatsch überhaupt noch so etwas wie eine Quintessenz heraustroff, dann die, dass man mit Büchern und ihren Texten sorgsam umgehen müsse.

Klar, dass der Thienemann-Verlag mit seiner Stellungnahme zum Thema da nicht mehr durchdrang – immerhin standen unpassende, weil deeskalierende Fakten drin: Die Änderungen sind noch gar nicht erfolgt, sondern erst für die Neuauflage im Sommer 2013 geplant. Und zwar – ups! – in Absprache und Einvernehmen mit Otfried Preußler. Immerhin: der Autor! Auslöser waren auch keine Rassismus-Vorwürfe gegen ihn, sondern einfach Verlagsmenschengedanken. Zum Buch, nicht um Merchandise. Aber egal: Hauptsache, „Konservative“ und „Fortschrittliche“ hatten mal wieder eine toll-deutsche Bühne für ihre tiefe gegenseitige Verachtung gefunden. Vielleicht können die Kinder wenigstens daraus was lernen.

Aber natürlich bleiben auch Fragen: Ist der Begriff „Modernisierung“ für die komplett inhaltsneutrale Änderung von zwei Begriffen in zwei Kinderbuch-Kapiteln semantisch bereits vertretbar? Mit welchem Synonym für „behutsam“ könnte man Vorgehen des Verlages noch umschreiben? Bedeutet es, wenn der Begriff „Neger“ nicht wirklich schlimm ist, im Umkehrschluss, dass er, weil alt, daher kulturell wichtig und ergo entsprechend hochwertig, auch verteidigt, politmächtig geschützt und zwingend an die nächste Generation weitergegeben werden muss? Und was hat sich der Klett-Cotta-Verlag dabei gedacht, 2001 in der deutschen Neufassung des „Herrn der Ringe“ aus Samweis Gamdschies beliebter Anrede „Herr Frodo“ ein saloppes „Chef“ zu machen, ohne es damit auf die Titelseite des „Spiegel“ zu schaffen oder in die „Tagesthemen“?

Und was die „Belastbarkeit“ von Kindern angeht: Ja, auch über „wichsen“ sollte man mit ihnen reden. Aber frühestens, wenn sie „Die kleine Hexe“ schon selber lesen können. Bis dahin ist es okay, wenn statt dessen „geputzt“ und „verhauen“ wird …

von ((tim))

Kein Sex für Nazis?

Es ist wenig sinnvoll, in der Zivilgesellschaft gegen Nazi-Menschen zu protestieren. Stattdessen wäre es wichtiger,
substanziell gegen deren Gesinnung anzukämpfen: Und die wächst mitten
in unserer Demokratie.
Um einen Nazi-Gegner effektiv gegen sich aufzubringen, muss man kein Nazi sein. Es genügt eine einfache Frage: „Warum bist du gegen Nazis?“ Freerk Huisken stellt sie trotzdem immer wieder – entsprechend war es kein Wunder, dass bei seinem kürzlich vom Studentenrat der TU Chemnitz organisierten Vortrag relativ wenig Menschen
kamen: Der 1941 in Eberswalde geborene Huisken, jahrelang als nicht unumstrittener Hochschullehrer für politische Ökonomie am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bremen tätig, ist heute marxistischer Publizist. Wenn er nach den Gründen für das Gegen-Nazis-Sein fragt, dann sicher nicht, weil er glaubt, dass diese schwach wären. Doch die bohrende Frage bringt auch schnell zu Tage: Nur vergleichsweise wenigen Menschen fallen wirklich stichhaltige Argumente ein.

Huisken macht das erst einmal an den Parolen fest, mit denen die Zivilgesellschaft gegen Rechtsextreme antritt: Von „Nazis raus“ über „Kein Sex für Nazis“ oder „Kein Bier für
Nazis“ bis hin zu „Wehret den Anfängen“, „Bunt statt Braun“ oder „Keinen Fußbreit den Faschisten“ zielen diese vor allem darauf ab, als „Nazis“ bezeichnete Personen zu ächten. Argumente gegen ihre Gesinnung bringt dieser Protest jedoch im Prinzip nicht vor. Natürlich sind Demo-Parolen erst einmal nur Sprachbilder, die ihren Sinngehalt nicht im Wortlaut tragen – doch die Tendenz bleibt, auch bei groß angelegten Kampagnen gegen Rechts: Deren Hauptaugenmerk ist es immer wieder, Neonazis anhand ihrer Kleidung, ihrer Musik und ihrer Symbole zu enttarnen – dass ihre Ansichten gefährlich sind, wird quasi als allgemein gültige Erkenntnis unterstellt. Nun ist die Auffassung, dass Nazis schlecht und gefährlich sind, zwar wirklich quer durch alle Gesellschaftsschichten und weltanschaulichen Lager verbreitet. Doch speist sich diese vor allem aus einer gefühlten Antipathie und den Schrecken des Dritten Reiches. Ergo werden Rechtsextremisten oft als „Rattenfänger“ gesehen, die heimlich ihre Ansichten unter diversen Deckmänteln verbreiten wollen.

Doch diese Sicht hat drei Haken. Erstens wollen Neonazis durchaus als solche erkannt werden. Codes wie „88“ (für „Heil Hitler“) sind nicht dazu da, eine Gesinnung zu verbergen, sondern gerade, um diese provokant und unterschwellig zur Schau zu stellen. Insofern ist die Strategie der Enttarnung ein eher stumpfes Schwert.

Zweitens wäre es aus Nazi-Sicht keine gute Idee, die eigenen Ansichten als „Lockmittel“ zum Gegenteil zu verbiegen. Denn was würde es etwa den Grünen nützen, wenn sie, nur um Wähler zu gewinnen, behaupteten, für die Atomkraft zu sein?

Natürlich werden auch von Nazis wie überall in der Politik harte Standpunkte mit weichen Formulierungen gepolstert und schwache Argumente mit markigen Worten aufgemotzt – doch das ist Fassade: Im Kern wollen Nazis mit dem überzeugen, was sie wirklich denken.
Man kommt also kaum umhin, dem Gegner seine Inhalte zu glauben, sich mit ihnen zu befassen und dann konkrete Gegenargumente zu bringen. Was schließlich zu drittens führt: Kaum jemand kennt die Ansichten heutiger Neonazis, ihre Debatten und Programme. Im Groben wird unterstellt, dass da Hitler-Fans das Dritte Reich mit anderen Mitteln wieder aufbauen wollen. Das Parteiprogramm der NPD, frei im Internet verfügbar, kennt aber nicht nur kaum ein Antifaschist – es gilt sogar als unschicklich und gefährlich, sich damit zu befassen. Was dann den unschönen Umkehrschluss nahe legt, dass man wohl Angst habe, keine wirklichen Argumente dagegen zu finden.

Fakt ist: Die Ansichten moderner Neonazis haben mit „Hitlerismus“ nur wenig zu tun, Argumente gegen das Dritte Reich verfangen bei ihnen daher nicht recht. Was aber nicht heißt, dass es gegen ihre Sichten keine gut begründeten Argumente gäbe. Man müsste sie eben nur bringen. Ein denkbarer Angriffspunkt wäre zum Beispiel das Prinzip des Nationalismus insgesamt.

Huisken ist strammer Marxist, an der Demokratie hat er daher einiges zu kritisieren. Seine Schlussfolgerung ergo: Die demokratischen Parteien sehen sich gar nicht in der Lage, die Gesinnung der Neofaschisten anzugehen, weil es in vielen Punkten (Familie als Säule des Staates, Zusammenhalt des Volkes als Nation) keine wirklichen Gegensätze gäbe. Stattdessen halte der demokratische Staat mit aller Kraft die radikalen Kräfte von der demokratischen Macht fern – und zwar sehr erfolgreich.

Diese Sicht unterstellt, dass es quasi ein „Gut“ und ein „Böse“ gäbe, dass das Übel der radikalen Sicht quasi schon in ihrer Grundrichtung gelegt sei. Weil das aber falsch ist, weil das Übel immer die Radikalisierung selbst ist, die sich Argumenten und damit dem nötigen Kompromiss, dem Verständnis für die Gegenseite verschließt, kann eben auch der „Falsche“ durchaus die richtigen demokratischen Fragen stellen. Und das tut Huisken. ((tim))

Sea Shepherd: „Wir nerven!“

Missstände gibt es viele auf diesem Planeten. Missstände, an denen dringend etwas geändert werden müsste. Blendet man einmal Dinge aus, bei denen durchaus über Pro oder Contra diskutiert werden könnte, bleibt immer noch genug übrig, das jederman unstrittig als Missstand ansieht: Krieg. Hunger. Umweltzerstörung zum Beispiel. Die Frage, die wohl jeden Menschen irgendwann umtreibt, lautet also: Kann man als Einzelner etwas tun?

 

Oft versucht man sich damit zu trösten, dass die Antwort auf diese Frage eben dummerweise systembedingt „Leider nein“ lauten muss. Doch es gibt immer wieder Menschen, die sich mit einer Mischung aus Ideen und Empathie, Zivilcourage und Idealismus, Tatkraft und Entschlossenheit aufraffen, um es einfach mal mit einem „Ja, natürlich!“ zu versuchen: Man spendet für eine gute Sache, wirft einfach eine so lieb gewonnene wie schädliche Angewohnheit über Bord – oder setzt sich für eine Sache mit direkten Taten ein.

 

Bestes Beispiel für derart aktive Zivilcourage zum Wohl der Welt ist die amerikanische Umweltschutz-Organisation „Sea Shepherd Conservation Society“, die auf allen Weltmeeren gegen Umweltfrevel aller Art vorgeht. Bekannt ist sie vor allem für ihre nicht eben zimperlichen Methoden gegen Walfang in der Antarktis, der zwar laut internationalen Abkommen geächtet ist, dort aber erst durch waghalsige Sea-Shepherd-Aktionen zum Erliegen gebracht wurde. Was bewegt einen Menschen, sich derart massiv für eine Sache einzusetzen? ((tim)) sprach mit Sven „Maddy“ Matthiesen, dem Geschäftsführer von Sea Shepherd Deutschland e.V.

((tim)): Wie bist Du dazu gekommen, Dich für Sea Shepherd zu engagieren?

Maddy: Über die Fernsehserie „Whale Wars“, die in den USA ja seit vielen Jahren erfolgreich ist und nun auch bei Dmax in Deutschland läuft. Dort wird in mehreren Staffeln dokumentiert, wie die Sea-Shepherd-Besatzungen mit oft drastischen Manövern, mit Seilen und Schlauchbooten und Jetskis im Eismeer Harpunenschiffe daran hindern, Wale zu schlachten. Anfangs fand ich das Vorgehen vollkommen durchgeknallt. Aber dann habe ich mich schlaugemacht, warum die das tun. Ich habe erkannt, dass es sehr effektive und durchdachte Aktionen sind, und dass es um Probleme geht, die wirklich gravierend sind, in den Medien aber viel zu sehr unter den Tisch fallen. Da habe ich mich für einen Posten auf einem Sea-Shepherd-Schiff beworben und bin mit ins Südpolarmeer gefahren.

((tim)): Die meisten Menschen würden in so einem Fall erst einmal eine Spendenüberweisung ausfüllen. Wieviel Mut und Überwindung musstest Du aufbringen?

Maddy: Man muss schon Idealismus haben, die Sache muss einem am Herzen liegen. Ich habe mit meiner Familie gesprochen und mittlerweile meinen regulären Job aufgegeben, um mich als hauptamtlicher Geschäftsführer auf die Arbeit für Sea Shepherd zu engagieren. Aber ich musste nun auch nicht todesmutig alles über Bord werfen, mir ist nicht jedes finanzielle Risiko egal – aber ich hab das mit meiner Frau durchgerechnet, und es war zu machen. Am meisten hilft es mir zu spüren, dass ich damit wirklich etwas bewirken kann, auch wenn es hart ist. Es ist dort unten recht ungemütlich, wenn man sich bei Minus 20 Grad entschließt, die Heizung im Schiff abzuschalten, um mit dem gesparten Diesel noch eine Woche auf See dranzuhängen. Ich weiß, dass dort jeder Dollar dreimal umgedreht und dann für die Sache eingesetzt wird. Das spornt an, diese Effektivität ist ein verdammt gutes Gefühl.

((tim)): Wie gehst Du damit um, dass Sea Shepherd mitunter Militanz vorgeworfen wird?

Maddy: Obwohl unsere Aktionen mitunter sehr spektakulär aussehen, ist dabei in 35 Jahren niemand ernsthaft verletzt worden. Wir nehmen, um Lebewesen zu schützen, schon gelegentliche Sachbeschädigung in Kauf – unsere Aktionen richten sich aber immer nur gegen Schiffe oder Fanggerät, nie gegen Besatzungen.

((tim)): Trotzdem nehmt Ihr das Recht in eure Hand mit Aktionen, die beispiellos sind – Ihr vermeidet einerseits Gewalt, geht aber andererseits auch weit über die herkömmlich anerkannten Protestformen hinaus. Wie findet Sea Shepherd die richtige Balance zwischen Wirksamkeit und Gesetzestreue?

Maddy: Wir sind keine Protestorganisation. Wir handeln. Dazu berufen wir uns auf die Weltcharta der Vereinten Nationen für die Natur. Die besagt, dass jeder Mensch der Erde das Recht zum Einschreiten hat, wenn Verbrechen gegen die Umwelt begangen werden und keine offizielle staatliche Macht dort ist, um dagegen vorgehen zu können. Friedlicher Protest bringt eben nicht immer etwas. Wir sind auf unsere Weise auch die effektivste Meeresschutz-Organisation der Welt, wir haben im Südpolarmeer beispielsweise über die Jahre 35.000 Wale gerettet. Wir haben erreicht, dass in Europa Robbenprodukte nicht mehr auf den Markt gebracht werden dürfen und die Nachfrage zusammengebrochen ist. Militant anmutende Aktionen sind dabei nur ein kleiner Teil. Oft genügt es auch schon, Vergehen zu dokumentieren, ans Licht der Weltöffentlichkeit zu bringen – der resultierende öffentliche Protest macht dann die Arbeit.

((tim)): Euer Ruf eilt Euch auf hilfreiche Weise voraus, mit ihm hat sich Sea Shepherd quasi eine zusätzliche Waffe erarbeitet?

Maddy: Inzwischen schon. Walfänger und andere Umweltsünder wissen mittlerweile genau, wenn wir da sind, können sie eh nix mehr machen. Oder jedenfalls nicht so, dass es sich für sie noch lohnt. Im Mittelmeer haben 2010 illegale Thunfisch-Trawler gefunkt: „Oh Gott, die Verrückten sind da!“ Und haben abgedreht. Oft reicht es da schon, wenn wir ein Schiff stellen und es auffordern, die illegalen Aktivitäten einzustellen. Wir nerven!.

((tim)): Die Sea Shepherd Conservation Society wurde bereits 1977 gegründet und wird von vielen Promienten wie Pierce Brosnan, Pamela Anderson, dem Dalai Lama, Sean Connery, Fürst Albert von Monaco oder den Red Hot Chili Peppers aktiv unterstützt. Warum hat es in Deutschland so lang gedauert, dass die Organisation auch hier wahr- und ernst genommen wurde?

Maddy: Einerseits daran, dass die deutsche Sektion erst 2010 als Verein gegründet wurde. Andererseits aber auch an den Medien. Vor allem beim Fernsehen ist das Interesse gering und die Unsicherheit groß. Da hält man sich offenbar lieber an Castingshows statt an die richtigen Probleme des Planeten. Das ist in anderen Ländern anders. In den USA sind die fünf Staffeln „Whale Wars“ als eine der erfolgreichsten Doku-Serie gelaufen – in Deutschland dagegen wird kurz ein Sea-Shepherd-Schiff gezeigt und drunter Logo und Hotline einer anderen Umweltorganisation. Aber wir haben in den letzten anderthalb Jahren schon sehr viel erreicht mit unseren wenigen Mitteln. Man darf nicht vergessen, dass in Deutschland derzeit rund 100 Leute für Sea Shepherd arbeiten, und zwar fast ausschließlich ehrenamtlich neben Job und Studium. Wir waren 2011 etwa bei rund 100 Veranstaltungen präsent, auf zahlreichen Messen oder der gesamten Tournee der Ärzte etwa. Dafür ist die Spendensituation phänomenal. Das Geld aus Deutschland hält unsere Schiffe für Tage länger auf dem Wasser.

((tim)): Vor allem in der Pop- und Rockkultur ist Sea Shepherd beliebt, Gründer Paul Watson wurde etwa von Metallica zu „Rock am Ring“ eingeladen. Ist es eine Gefahr, vor allem als rebellische Radautruppe mit cooler Piratenfahne wahrgenommen zu werden?

Maddy: Wir machen ja keinen Radau. Wer sich mit uns beschäftigt, stellt schnell fest, dass es uns mit ganzem Herzen um effektiven Umweltschutz geht. 75 Prozent unseres Planeten sind von Wasser bedeckt, wenn wir den Ozean nicht schützen, bekommen wir bald ein riesiges Problem. Walfang im Südpolarmeer zu betreiben, dass ist, als würde man in einen Zoo gehen und einen Tiger über den Haufen schießen. Millionen Haie werden wegen Flossen gekillt. Wenn der oberste Jäger in den Ozeanen bedroht wird, nur damit seine Flossen in irgendwelchen asiatischen Suppen schwimmen können, wird das Gleichgewicht des ganzen Ökosystems bedroht. Und wenn die Ozeane sterben, sterben wir alle. Und unsere Flagge hat dabei einen sehr tiefen Sinn: Der Dreizack steht für Gerechtigkeit, der Hirtenstab für das Behüten und der Totenkopf für die alte Idee, dass man, um einen Piraten zu bekämpfen, selbst in gewisser Weise ein Pirat sein muss. Zumindest muss man das Handwerk verstehen.

((tim)): Trotzdem scheint es Euch an politischer Lobby noch zu mangeln. Als Paul Watson im Sommer in Deutschland verhaftet wurde, kam von keiner der hiesigen Parteien Protest …

Maddy: Wir sind ja keine politische Organisation. Vielleicht schreckt das Politiker ab, für unsere Sache Partei zu ergreifen. Wir setzen eben Gesetze um, wo keiner da ist, wir sind nicht diplomatisch. Wenn es uns nur darum ginge, zu protestieren, wäre das für eine Lobby vielleicht besser. Doch wir tun als anerkannte Nichtregierungs-Organisation eigentlich die Arbeit der ausführenden Organe, die dabei oft versagen. Wenn man der Politik vorführt, wo ihre Defizite liegen, dann ist das natürlich auch ein Tritt vor’s Schienbein. Ich weiß aber, dass von Seiten der Grünen oder der Jung-FDP diverse Vorstöße unternommen wurden. Es wurde versucht, über diverse Parteien Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zu überreden, sich mal mit Paul Watson zu treffen. Am Rande der Bayreuther Festspiele hätte das sogar fast geklappt, aber letztlich hat man unsere Anliegen dann doch noch auf die lange Bank geschoben.

((tim)): Das Klima ist als Problem aktuell sehr im kollektiven Bewusstsein. Woher stammt Ihrer Ansicht nach der Eindruck, dass der große Ozean momentan eher unser kleinstes Problem ist?

Maddy: Das Problem ist, dass man meint, sich freikaufen zu können. Man schraubt sich einen Kat ans Auto, beruhigt sein Gewissen mit Bio-Sigeln – aber möglichst ohne Einschränkung beim Lebensstandard. Für billige Fischstäbchen gibt es schwimmende Fangfabriken – wo die fischen, wächst Jahrzehnte nichts mehr. Warum wird der Bau solcher Schiffe genehmigt? Warum gibt es in Europa immer noch keine Quoten für den Blauflossen-Thunfisch, dessen Bestände schon kollabiert sind? Warum wird der nicht auf die Rote Liste gesetzt, nur weil jeder gern seinen Thunfisch isst? Der Regenwald ist sicher wichtig – doch was der für das Klima der Welt tut, ist ein Bruchteil dessen, was durch die Ozeane geleist wird. Viele Probleme sind verglichen mit denen der Meere doch erheblich kleiner..

Neue Werke

In unseren beiden Konzerten am 23. 11. in Chemnitz und am 24.11. in Berlin werden erstmals neue Werke zu hören sein, die wir Anfang 2013 aufnehmen und danach auch als Tonträger veröffentlichen wollen. Die Art und Weise steht noch nicht fest, aber aktueller Diskussionsstand ist, die Stücke jeweils stilistisch und thematisch passend auf verschiedenen EPs zu bündeln. Die erste trägt den Arbeitstitel „Kinderlieder“.  Vorab sollen an dieser Stelle schon einmal die Hintergründe zu den neuen Werken (in der Reihenfolge, in der sie zwischen bereits bekannten Stücken die Konzert-Setliste bilden) erläutert werden:

 

„Tag und Nacht“ vermischt teilweise recht radikal-ambiente Elektronik mit grimmigen Gitarren-Eruptionen auf für fetisch:MENSCH sehr ungewohnte Weise. Der Text behandelt die Tatsache, dass die Zeit entgegen des Sprichwortes eben nicht immer alle Wunden heilt: Manchmal verändert sie nur die Art des Schmerzes – man muss dann lernen, ihn als täglichen Begleiter sowie in jeder Nacht zu akzeptieren und aus seiner Veränderung Kraft zu ziehen.

 

„Ich bin übrig“ ist episch-orchestrale Ambient-Filmmusik, die in ihren Grundzügen von sToa-Kopf Olaf Parusel komponiert wurde und als „Appetithappen“ für den neuen Weg der Band steht: Tim hat zusammen mit Olaf noch weitere Ideen für fetisch:MENSCH in Arbeit. Oswalds Text behandelt die Gefühle eines allein gelassenen Menschen, der als Witwe(r) oder Waise sein Gegenstück verloren hat und nun mit der Erwartung der Restwelt kämpft, die ihm zwar eine gewisse Trauerzeit zugesteht, in dieser aber eine Verarbeitung des Verlustes erwartet. Warum wird eigentlich nicht akzeptiert, dass der Verlust eine grundlegende Veränderung sein kann? Und warum gibt es keinen Namen für Eltern, die ihre Kinder verloren haben?

 

„Abschied“ ist ein überwiegend ruhiges, dezent postwaverockiges Lied über die Kunst und Notwendigkeit des Abschiednehmens, eine Ode an den Schlussstrich – beziehungsweise dessen halbwegs konsequenten Versuch und die Hoffnung, dass er gelingen möge …

 

„Sieh mein Sohn“ ist das bisher vielleicht politischste Stück von fetisch:MENSCH: Dekonstruierter Pop, der aus aktuellem Anlass die Wunden des Krieges thematisiert.

 

„Schwarzer Schnee“  ist ein treibendes Rock-Werk mit griffiger Hookline und gehörig explosivem Electro-Anteil, dass den Verrat der Eliten thematisiert. Zugegeben, nicht mehr ganz unbekannt, da wir es schon auf einigen Konzerten gespielt haben – dennoch unveröffentlicht.

 

„Wahrheitsschmerzen“ erzählt die Geschichte einer schmerzhaften Erleichterung: Man will von einem nahe stehenden Menschen unbedingt die Wahrheit hören und hofft dabei, dass sie den eigenene Hoffnungen und Wünschen entsprechen möge. Der nahe stehende Mensch entschließt sich aus Zuneigung, diese auch auszusprechen – obwohl sie sehr schmerzhaft ist, da sie den Hoffnungen eben nicht entspricht. Das fühlt sich nach einem schlimmen Riss an und entzweit vielleicht sogar dauerhaft – doch es mischt sich das trotz aller Bitterkeit gute Gefühl bei, dass man eben das Richtige, Wahre erfahren hat. Dass es letztlich gut so ist, weil jeder hoffnungsfroh unwahre Weg letztlich in die Irre führen muss.

 

„Wir warten“ ist eine ruhige Akustik-Pop-Nummer, die die angenehme Ruhe des Wartens mit der Unbefriedigung des Stillstandes koppelt: Mitunter muss man lernen, die selbst verschuldete Ergebnislosigkeit als einzig mögliches Ergebnis zu akzeptieren: Weil man nichts getan hat, außer die sanfte Stagnation des Anhaltens zu genießen.

 

„Damalskinder“ ist ein recht komplex-experimentelles Electrorock-Stück aus dem „KInderlieder“-Zyklus: Wir sind nicht, was wir sind – wir sind geworden, was wir sind. Und wir waren einst unbeschriebene Blätter, chancengleich und kindlich unschuldig.

 

„Und wo es schreit“ ist ein ausgesprochen episches Ambient-Stück mit einer erdrückenden Atmosphäre, aus unserer Sicht der bisherige Höhepunkt der Bandgeschichte. Wer klar zu sehen vermag, sieht auch die zerstörerischen Kreisläufe klar, in denen der Mensch sich bewegt. „Wir kochen Leim aus den Knochen toter Kinder und kleben damit das Geld ans Kapital“…