Wann hat Gothic eigentlich sein Herz verloren? Und wann seinen Sinn?

Vielleicht hat es nicht so wehgetan, weil es so langsam und schleichend passiert ist. Und genau deswegen tut es wohl auch besonders weh: Gothic, so wie wir es einst lieben gelernt haben, ist nicht mehr. Nur noch ein Schatten, eine Erinnerung.

Nun könnte man sagen, dass Schatten und Erinnerungen immer eine große Rolle in unserer Schwarzen Kultur gespielt haben, und man hätte Recht damit – aber genau das ist ja der Punkt. Gothic hat sie gegenwärtig gemacht. Erlebbar. Beseelt. Was jetzt noch übrig ist, ist eine Erinnerung an dieses Erleben. Nicht mehr dieses Erleben selbst. Die Szene? Ich spüre ihren Herzschlag nicht mehr.

Wann hat er eigentlich aufgehört? Als der Graf ins Fernsehen ging? Als Mono Inc. beschlossen, ihre Karikatur von dunkler Musik zu veröffentlichen? Als zu viele WGT-Besucher das optische Ausstellen einer inneren Anders-Gefühlslage mit dem karnevaleskem Spaß am Verkleiden zu verwechseln begannen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es an all diesen Einzelpunkten nicht liegt. In jeder Szene gibt es Menschen, deren Herz tief verwurzelt drinhängt und solche, die nur an einigen Details gefallen finden. Alles hat eine Oberfläche. Das ist kein Problem  so lange es darunter auch die Tiefe gibt.

Die Toleranz in der Szene war immer eine ihrer Stärken – wir haben es immer gut ausgehalten, wenn The Cure zu kommerziell war oder Kaschte zu durchgeknallt oder Illuminate zu sehr Schlager. Die Szene verträgt Knicklichtgrufties und gröhlende Met-Trinker. Metaller mit gierigen Dekolleté-Blicken und Emily-Autumn-Girlies. Mode-SMler und Uniform-Fetischischisten. Nur die Summe davon hat sie offenbar auf Dauer nicht ertragen – vor allem nicht in Zusammenhang mit unserem vielleicht verheerendsten Fehler: Der Kritiklosigkeit.

Der Ton war uns Überzeugungs-Gothics immer etwas ganze Besonderes. Wir haben unter der Oberfläche der Gesellschaft nach den Nischen gesucht, nach der Individualität. Haben zugehört. Zugelassen. Selbst Schmerz und Hass. Haben hinter alle Dinge geblickt. Aber irgendwann haben wir dabei Toleranz mit Kritiklosigkeit verwechselt. Meinungsfreiheit war uns ein so hohes Gut, dass Irgendwann der Inhalt einer Meinung egal war. Der. Inhalt.

Das hat dazu geführt, das irgendwann jeder alles machen konnte – wir haben es geschluckt. Und irgenwann haben wir mangels besserer Angebote Dinge geschluckt, die wir so eigentlich nicht haben wollten. Irgendwann war ASP eine der besten Bands der Szene. Wir haben nie gelernt, wie wichtig und befruchtend konstruktive Kritik und Streit sind. Auseinandersetzung. Das Ergebnis ist, dass es keine guten neuen Szene-Bands gibt. Man betrachte nur die Programmfolgen der Festivals in den letzten Jahren.

Es gibt immer noch hervorragende dunkle Musik. Musik, die unter die Oberfläche schaut und das Dunkel ertastet. Die Schnitte im Herz, die Wunden in der Seele. Kunst, wegen der wir uns einst in der Schwarzen Szene heimisch gefühlt haben. Aber sie findet heute fast vollständig außerhalb unserer erstarrten Rituale statt. Sie kommt von Ólafur Arnalds oder Soap&Skin, von Casper oder Sigur Rós. Von Bring Me The Horizon oder den Editors. Es gibt sie überall und selbst in Schattierungen, die unsere Szene bisher ausgespart hat, etwa im Hip Hop von Grim104. Nur kaum noch in unserer Schwarzen Szene. Mir tut das in stillen Momenten weh – weil in dieser unserer Szene so verdammt viel Potenzial gesteckt hat! So viel Kreativität. Individualität. Es war schön, dass Dr. Mark Bennecke und Der Herr Der Ringe in unserer Szene Platz hatten – es ist aber nicht schön, dass die Szene hauptsächlich zu Dr. Mark Bennecke und dem Herrn Der Ringe geworden ist.

Wie gern würde ich mal wieder eine richtig tief berührende Platte hören von :Wumpscut: oder Sopor Aeternus. Von Zeraphine oder And One. In Strict Confidence. Diary Of Dreams. Winterkälte. Arcana. Lovesliescrushing. The Retrosic. Künstler, deren Werke, so denn welche erscheinen, ich nach wie vor kaufe – dann aber mit zunehmender Resignation in den Plattenschrank stelle. Neue Künstler wie Lisa Morgenstern, die die Impulse der Schwarzen Szene aufnehmen, erkennen und neu interpretieren? In ihrem Geist bereichern? Gibt es fast nicht mehr. Und falls doch kommen sie zur Not auch ohne uns aus. Es sind sehr, sehr seltene Ausnahmen. „Grausame Töchter“ fallen mir noch ein. Maximal. Leider.

Auf der anderen Seite steht dagegen ein übermächtige, starre Masse, die aus dem einstigen Blick ins Dunkel der Tiefe eine neue Oberfläche gemacht hat. Symbole, deren Chic jeder kennt und deren Bedeutung niemand mehr fühlt. Eine Masse, die aus den Erkenntnissen und mutigen Perspektiven von einst die Phrasen von jetzt gemacht hat. Sie ritualisiert abspult und in Online-Shops einkauft. So wie Mutti jedes Jahr die Weihnachtskugeln an die Tanne hängt – und am Ende beides für originäre Bestandteile eines christlichen Festes hält. Am deutlichsten wird das vielleicht, wenn man auf die toten Magazine blickt: Eine Szene, die so viel auf ihren Geist und ihre Gedanken hält, erträgt komplett geist- und journalismusfreie Szenehefte, in denen jeder Artikel an bezahlte Anzeigen gekoppelt ist? Ja. Und nein. Aber: Diese Situation ist entstanden, weil sie aus uns allen heraus so entstehen konnte.

Es geht nicht um Schuld. Aber es geht darum, wie es ist. Es ist: traurig!

von ((tim))

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