Kein Sex für Nazis?

Es ist wenig sinnvoll, in der Zivilgesellschaft gegen Nazi-Menschen zu protestieren. Stattdessen wäre es wichtiger,
substanziell gegen deren Gesinnung anzukämpfen: Und die wächst mitten
in unserer Demokratie.
Um einen Nazi-Gegner effektiv gegen sich aufzubringen, muss man kein Nazi sein. Es genügt eine einfache Frage: „Warum bist du gegen Nazis?“ Freerk Huisken stellt sie trotzdem immer wieder – entsprechend war es kein Wunder, dass bei seinem kürzlich vom Studentenrat der TU Chemnitz organisierten Vortrag relativ wenig Menschen
kamen: Der 1941 in Eberswalde geborene Huisken, jahrelang als nicht unumstrittener Hochschullehrer für politische Ökonomie am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Universität Bremen tätig, ist heute marxistischer Publizist. Wenn er nach den Gründen für das Gegen-Nazis-Sein fragt, dann sicher nicht, weil er glaubt, dass diese schwach wären. Doch die bohrende Frage bringt auch schnell zu Tage: Nur vergleichsweise wenigen Menschen fallen wirklich stichhaltige Argumente ein.

Huisken macht das erst einmal an den Parolen fest, mit denen die Zivilgesellschaft gegen Rechtsextreme antritt: Von „Nazis raus“ über „Kein Sex für Nazis“ oder „Kein Bier für
Nazis“ bis hin zu „Wehret den Anfängen“, „Bunt statt Braun“ oder „Keinen Fußbreit den Faschisten“ zielen diese vor allem darauf ab, als „Nazis“ bezeichnete Personen zu ächten. Argumente gegen ihre Gesinnung bringt dieser Protest jedoch im Prinzip nicht vor. Natürlich sind Demo-Parolen erst einmal nur Sprachbilder, die ihren Sinngehalt nicht im Wortlaut tragen – doch die Tendenz bleibt, auch bei groß angelegten Kampagnen gegen Rechts: Deren Hauptaugenmerk ist es immer wieder, Neonazis anhand ihrer Kleidung, ihrer Musik und ihrer Symbole zu enttarnen – dass ihre Ansichten gefährlich sind, wird quasi als allgemein gültige Erkenntnis unterstellt. Nun ist die Auffassung, dass Nazis schlecht und gefährlich sind, zwar wirklich quer durch alle Gesellschaftsschichten und weltanschaulichen Lager verbreitet. Doch speist sich diese vor allem aus einer gefühlten Antipathie und den Schrecken des Dritten Reiches. Ergo werden Rechtsextremisten oft als „Rattenfänger“ gesehen, die heimlich ihre Ansichten unter diversen Deckmänteln verbreiten wollen.

Doch diese Sicht hat drei Haken. Erstens wollen Neonazis durchaus als solche erkannt werden. Codes wie „88“ (für „Heil Hitler“) sind nicht dazu da, eine Gesinnung zu verbergen, sondern gerade, um diese provokant und unterschwellig zur Schau zu stellen. Insofern ist die Strategie der Enttarnung ein eher stumpfes Schwert.

Zweitens wäre es aus Nazi-Sicht keine gute Idee, die eigenen Ansichten als „Lockmittel“ zum Gegenteil zu verbiegen. Denn was würde es etwa den Grünen nützen, wenn sie, nur um Wähler zu gewinnen, behaupteten, für die Atomkraft zu sein?

Natürlich werden auch von Nazis wie überall in der Politik harte Standpunkte mit weichen Formulierungen gepolstert und schwache Argumente mit markigen Worten aufgemotzt – doch das ist Fassade: Im Kern wollen Nazis mit dem überzeugen, was sie wirklich denken.
Man kommt also kaum umhin, dem Gegner seine Inhalte zu glauben, sich mit ihnen zu befassen und dann konkrete Gegenargumente zu bringen. Was schließlich zu drittens führt: Kaum jemand kennt die Ansichten heutiger Neonazis, ihre Debatten und Programme. Im Groben wird unterstellt, dass da Hitler-Fans das Dritte Reich mit anderen Mitteln wieder aufbauen wollen. Das Parteiprogramm der NPD, frei im Internet verfügbar, kennt aber nicht nur kaum ein Antifaschist – es gilt sogar als unschicklich und gefährlich, sich damit zu befassen. Was dann den unschönen Umkehrschluss nahe legt, dass man wohl Angst habe, keine wirklichen Argumente dagegen zu finden.

Fakt ist: Die Ansichten moderner Neonazis haben mit „Hitlerismus“ nur wenig zu tun, Argumente gegen das Dritte Reich verfangen bei ihnen daher nicht recht. Was aber nicht heißt, dass es gegen ihre Sichten keine gut begründeten Argumente gäbe. Man müsste sie eben nur bringen. Ein denkbarer Angriffspunkt wäre zum Beispiel das Prinzip des Nationalismus insgesamt.

Huisken ist strammer Marxist, an der Demokratie hat er daher einiges zu kritisieren. Seine Schlussfolgerung ergo: Die demokratischen Parteien sehen sich gar nicht in der Lage, die Gesinnung der Neofaschisten anzugehen, weil es in vielen Punkten (Familie als Säule des Staates, Zusammenhalt des Volkes als Nation) keine wirklichen Gegensätze gäbe. Stattdessen halte der demokratische Staat mit aller Kraft die radikalen Kräfte von der demokratischen Macht fern – und zwar sehr erfolgreich.

Diese Sicht unterstellt, dass es quasi ein „Gut“ und ein „Böse“ gäbe, dass das Übel der radikalen Sicht quasi schon in ihrer Grundrichtung gelegt sei. Weil das aber falsch ist, weil das Übel immer die Radikalisierung selbst ist, die sich Argumenten und damit dem nötigen Kompromiss, dem Verständnis für die Gegenseite verschließt, kann eben auch der „Falsche“ durchaus die richtigen demokratischen Fragen stellen. Und das tut Huisken. ((tim))
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